Jobsuche in Taiwan - Eigeninitiative statt Amt

Staatliche Arbeitsförderung spielt im Tigerstaat kaum eine Rolle

27.10.2009 Siegmund Natschke

Die Arbeitssuche in Taiwan unterscheidet sich von der in Europa fundamental. Familie, Freunde, Bekannte zieht man heran - nur nicht den Staat.

Taiwan ist ein zerrissenes Land. Die jahrzehntelange Vormachtstellung der Kuomintang (KMT), die auch von deren Alleinvertretungsanspruch auf ganz China immer neue Nahrung erhielt, ist dahin. Die 1994 gegründete Demokratische Fortschrittspartei, die für viele Taiwaner eine Hoffnung auf Modernisierung und Reformierung des Tigerstaates darstellte, hat die KMT wiederholt in den Präsidentschaftswahlen geschlagen. Nach dem krankheitsbedingten Rücktritt von Präsident Chen Shui-bian konnte die reformierte Kuomintang allerdings mit Ma-Jing jeou wieder auf die vorderste politische Bühne zurückkehren.

Dies liegt nicht zuletzt daran, dass die Erwartungen, die man in die Partei des nun ehemaligen Präsidenten Shui-bian gesetzt hatte, gänzlich enttäuscht worden sind. Den „frischen Wind“ vermisste man insbesondere in der taiwanesischen Wirtschaft, die unter Chens Regierungszeit in eine tiefe Rezession abrutschte. Die Arbeitslosenquote stieg auf einen für taiwanesische Verhältnisse hohen Wert von über 5%, sonst war man Vollbeschäftigung gewohnt.

Keine etablierte Arbeitslosenversicherung – Familie statt Staat

Es stellen sich also große Herausforderungen für eine taiwanesische Arbeitsmarktpolitik, die von ihren Fundamenten her eine gänzlich andere ist als die in Europa. Bis heute gibt es in Taiwan keine etablierte Arbeitslosenversicherung. Staatliche Unterstützungsleistungen spielen so gut wie keine Rolle. Wie überbrückt der Taiwaner aber dann Zeiten der Arbeitslosigkeit und vor allem: Was unternimmt er, um wieder eine Stelle zu erlangen? Die erste Anlaufstelle ist die Familie. Sie ist es, die Unterstützung gewährt – und sie ist es auch, über die versucht wird, eine neue Stelle zu erlangen. Auch Freunde und gute Bekannte werden gefragt. Und wenn auf dieser persönlichen Ebene kein Erfolg erzielt wird, versucht man es auf eigene Faust: Finanziert durch eigene Ersparnisse und auf der ständigen Suche nach einer neuen Erwerbstätigkeit. In der Denktradition des Konfuzianismus strebt man nicht durch den Staat zum individuellen Wohl, sondern sieht sich als Teil der unmittelbaren Umgebung. Der Staat wird zum letzten Anlaufpunkt.

Private Arbeitsvermittlung – Historische Verdienste und die Jagd auf „High Potentials“

Dies gilt auch für den Arbeitsmarkt. Deswegen haben z. B. private Arbeitsvermittlungsdienste eine viel höhere Bedeutung als staatliche. Ebenso ist ihre Tradition eine längere. So existierten die privaten schon in der japanischen Kolonialzeit und leisteten insbesondere nach Ende des 2. Weltkrieges wertvolle Dienste als es darum ging, die verheerende Massenarbeitslosigkeit zu bewältigen. Dies war umso schwieriger, als eine immense Zuwanderungswelle vom chinesischen Festland einsetzte. 1,2 Millionen Menschen flohen damals im Verlauf des Bürgerkrieges, der das kontinentale China ergriffen hatte, auf die strategisch wichtige und militärisch sichere Insel. Bis heute genießt die private Arbeitsvermittlung wegen ihrer damaligen Leistungen eine hohe Wertschätzung. Doch auch sie muss sich wandeln, will sie ihre Bedeutung erhalten. Und sie tut es, indem sie neue Schwerpunkte setzt. Weniger durch die Konkurrenz staatlicher Stellenvermittlung als vielmehr infolge eines kontinuierlichen Strukturwandels –weg von einfachen Produktionsweisen hin zu Spitzentechnologien- konzentriert man sich neuerdings auf das „Head Hunting“ von Führungskräften. Die wiederum staatlich forcierte Forschungsoffensive erhöht dabei die Nachfrage von hochspezialisierten Wissenschaftlern. So ist die taiwanesische Arbeitsvermittlung also zunehmend eine Chance für „High Potentials“ aus dem Ausland – auch für Europäer.

Straßenhandel prägt die Städte und entlastet Arbeitsmarkt

Schließlich gibt es auch einen Sektor, der den taiwanesischen Arbeitsmarkt nicht unbeträchtlich entlastet: die Schattenwirtschaft – und hier vor allem der Straßenhandel. Insbesondere unqualifizierte Kräfte -mehr ältere als jüngere- sind hier tätig. Begünstigt wird diese Form der nicht erlaubten aber geduldeten Selbstständigkeit durch die typische Gestaltung taiwanesischer Städte. Das taiwanesische Klima mit angenehmen abendlichen Außentemperaturen tut sein übriges. Zuletzt hat es Bemühungen gegeben, diesen Straßenhandel umzustrukturieren, auch indem Anreize geschaffen wurden, sie in Supermärkte im bekannten Sinne umzuwandeln. Andererseits ist der Straßenhandel bei den Taiwanern äußerst populär und scheint zum „Stadtbild“ einfach dazuzugehören. Deshalb wird es auch weiterhin Straßenhändler geben, die wiederum nicht in der Arbeitslosenstatistik mitzählen.

Deutschland als Vorbild für Taiwan?

Bei all dem wundert man sich, dass es doch eine institutionalisierte Arbeitsmarktpolitik in Taiwan gibt. Die Programme für Arbeitslose, die sich an einzelne Problemgruppen richten, ähneln in ihren Instrumentarien sogar den europäischen – und deutschen. So kommt einem das „National Youth Commitee (OGNYC), das bereits 1982 installiert wurde, fast bekannt vor. Es erinnert an das deutsche JUMP (Sofortprogramm zum Abbau der Jugendarbeitslosigkeit). Doch die Spannbreite der Auslegung durch die örtliche Bürokratie ist groß, und durch die mangelnde Bedeutung der Arbeitsförderung insgesamt wird sie faktisch zum Papiertiger. Der echte Tiger setzt in der Krise zum Sprung an. Aber nicht auf das Arbeitsamt.

Der Artikel Jobsuche in Taiwan - Eigeninitiative statt Amt in Politik & Gesellschaft in Asien unterliegt dem Urheberrecht. Jegliche Verwendung dieses Textes, auch auszugsweise, erfordert die vorherige schriftliche Erlaubnis des Autors. Autor des Artikels Jobsuche in Taiwan - Eigeninitiative statt Amt ist Siegmund Natschke.
;