Tabu-Thema "Trostfrauen"Warum Japan bis heute keine Entschädigung zahlt
Frauenrechtsaktivistin Chung-Noh Gross spricht über die Tabuisierung der "Trostfrauen" und ihren Kampf für Gerechtigkeit.
Im Asien-Pazifik-Krieg haben Frauen aus Korea, China und anderen von Japan besetzten Gebieten Soldaten des japanischen Kaiserreichs als Sexsklavinnen, sogenannte Trostfrauen, gedient. Sie wurden verschleppt, in den zahlreichen Militärbordellen eingesperrt und der Willkür der japanischen Soldaten ausgeliefert. Im Interview mit Suite101 spricht Chung-Noh Gross, Co-Herausgeberin des im Kleine Verlag erschienen Bands "Erzwungene Prostitution in Kriegs- und Friedenszeiten", über die Ungerechtigkeit, die den ehemaligen "Trostfrauen" auch lange nach dem Krieg widerfährt, warum die japanische Regierung sich bis heute weigert, den Frauen eine Entschädigung zu zahlen, und wie sie selbst zu einer Aktivistin wurde. Wie wurden Sie zu einer Aktivistin für die Rechte der ehemaligen "Trostfrauen?“Ich habe das alles erst erfahren als ich Krankenschwester nach Deutschland kam. Es hat mich so wütend gemacht und erschrocken. Meine Mutti hätte auch betroffen gewesen sein können. Es ist ihre Generation. Keiner wusste von den Militärbordellen, niemand hat in Korea öffentlich darüber gesprochen. Bis dahin war von Seiten der koreanischen Regierung und japanische Regierung das Problem der "Trostfrauen“ ein Tabu-Thema. Ich war entsetzt, gerade, weil 80 Prozent der sogenannten Trostfrauen“ – in Wirklichkeit Sexsklavinnen – Koreanerinnen waren. Drei von ihnen haben schließlich 1991 den Mut gehabt, die japanische Regierung anzuklagen. Wir haben als Koreanerinnen hier versucht, ihnen zu helfen, Gerechtigkeit und ihre Würde zurück zu bekommen. Wir haben in Deutschland Briefe an die japanische Regierung geschickt und sie drauf gedrängt, auf die Forderungen einzugehen. Trotz der Schande haben die Frauen den Mut gehabt, sich nach 55-jährigem Schweigen, dem Prozess zu stellen. Schließlich gilt die Reinheit einer Frau mehr als ein Leben. Anfangs wurden in Korea "Trostfrauen“ schief angesehen, da sie kein Vorbild für die Jugend seien. Inzwischen ist die Meinung anders. Die Jugend solidarisiert sich mit den Opfern. Es waren ja keine Einzeltaten, sondern eine systematische Verschleppung und Versklavung von jungen Frauen. Manche waren zwei Monate im Bordell, manche zehn Jahre. Sie waren Sexsklavinnen, die 24 Stunden am Tag für die Bedürfnisse der japanischen Soldaten bereit zu sein hatten. Die haben damals die Pferde im Bordell besser behandelt als die Frauen. Man musste das bekannt machen, in Korea die Menschen aufwecken. Ich war einfach so erschrocken und habe begonnen, alles auch in Deutschland bekannt zu machen. Anfangs wurden die jungen Frauen durch Betrug überredet, sie sollten eine ehrliche Arbeit bekommen, damit sie ihre Familien ernähren können. Durch Japans Kolonialisierung waren alle Familien arm. Als die Intensität des Krieges stieg, brauchte Japan im Kriegsgebiet mehr Frauen. Sie sind einfach verschleppt worden. Es war ein unehrenhafter und grausamer Zwang sozusagen. Eltern und Lehrer wurden unter Druck gesetzt oder eingeschüchtert, damit möglichst viele junge Mädchen und Frauen verschleppt werden konnten. Die Frauen haben Unmenschliches erlebt: in circa 400 Bordellen, über ganz Asien verteilt, haben sie 10 bis 20 Soldaten oder mehr pro Tag ertragen, die mit ihnen gemacht haben, was sie wollten. Die japanische Regierung hält geheime Dokumente nach wie vor zurück. Man kann daher nur schätzen, dass es etwa 200.000 asiatische Mädchen und junge Frauen im Alter von 12 bis 22 Jahren waren. Es können auch mehr sein. Man weiß nicht genau. Anfangs habe ich viel geweint, aber diese Arbeit hat mich auch stark gemacht – auch wenn es so eine traurige Arbeit ist. Die Verschleppung und Versklavung der sogenannten Trostfrauen durch japanische Soldaten liegt nun schon über 60 Jahre zurück. Warum gibt es bis heute noch keine offizielle Entschuldigung und Entschädigung durch die japanische Regierung?Resolutionen in den USA, der EU und anderen Ländern fordern die japanische Regierung auf zur formellen, eindeutigen und unmissverständlichen Anerkennung und Entschuldigung und zur Übernahme der historischen Verantwortung für die "Trostfrauen“. Darauf sagte ein japanischer Minister, die Frauen seien freiwillig in die Prostitution gegangen. Mit solch unsinnigen Antworten wollte er die Verantwortung umgehen. Auch in den Augen der japanischen Regierung liegen die Geschehnisse lange zurück und sind jetzt verjährt. Aber ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit verjährt nicht. Gegenargumente der japanischen Regierung gibt es daher viele. Sie behauptet, die Haager Konvention sei nicht anwendbar, denn Korea war damals Teil Japans und internationales Völkerrecht gelte also nicht. Die koreanische Regierung könne die japanische Regierung verklagen, aber Privatpersonen nicht. Internationale Gesetze seien nicht anwendbar auf zurück liegende Taten. Das 1965 abgeschlossene Reparationsabkommen zwischen Japan und Korea berücksichtigt die "Trostfrauen“ nicht, aber die japanische Regierung behauptet, mit dem Abkommen sei alles pauschal abgedeckt. Allerdings wurden diese persönlichen Entschädigungen nicht berücksichtigt. Auch 1953 im San Francisco Abkommen sind die "Trostfrauen“ nicht erwähnt. Der Asien-Pazifik-Krieg war ein Eroberungs- und Besetzungskrieg, aber die japanische Regierung behauptet heute noch, Japan habe den Rest Asiens modernisieren und befrieden wollen. Der Tenno, der Kaiser, war Gott und man darf Gott nicht bestrafen. Der Tenno ist unantastbar. Dennoch hat das Tokio Tribunal 2000 Kaiser Hirohito schuldig gesprochen. Leider war das kein rechtskräftiges Urteil, sondern ein symbolisches. Wenn der Tenno sich bei den ehemaligen "Trostfrauen“ entschuldigt. hätte, würde die Geschichte auch anders geschrieben: Wenn die "Trostfrauen“ entschädigt werden, dann müssen alle asiatischen Opfer der japanischen Militärregierung ebenfalls entschädigt werden. Japan hat Angst vor den enormen Kosten. Noch immer werden weltweit Frauen verschleppt, noch immer gibt es Zwangsprostitution, auch in Friedenszeiten und auch in Europa. Warum? Was können wir tun, um auf die Schicksale dieser Frauen aufmerksam zu machen und wie können wir ihnen helfen?Die männerorientierte Gesellschaft denkt nach wie vor, dass im Krieg Vergewaltigungen normal sind, sie gelten nicht als Kriegsverbrechen. Das sollte durch internationale Gesetze geändert werden. Solche Verbrecher haben in der Vergangenheit unbehelligt ihr Leben gut gelebt und sind friedlich gestorben, aber sie haben den Opfern das ganze Leben zerstört. Die junge Generation sollte anders erzogen werden, in dem Bewusstsein, dass Frauen und Männer gleichberechtigt sind. Betroffene Frauen müssen in Friedenszeiten die Männer anzeigen können, die ihnen im Krieg sexuelle Gewalt angetan haben. Man sollte sie unterstützen, anstatt sie zu benachteiligen. Aufklärung ist wichtig, ebenso gemeinsam die Interessen von Frauen zu vertreten. Mehr Bildung für Mädchen und Frauen ist notwendig, um sie aus der Armut raus zu holen. Sie sollten den Mut haben, ihre Vergewaltiger anzuzeigen und ihre Würde zurück zu bekommen. Sie sollten Gerechtigkeit erfahren. Lesetipp: Barbara Drinck/Chung-Noh Gross (Hrsg.): Erzwungene Prostitution in Kriegs- und Friedenszeiten. Kleine Verlag 2006. Broschiert. 269 Seiten. 22,90 Euro (D)
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